Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch nimmt der namenlose Ich-Erzähler
aus Nabokovs Roman "Der Späher" seine Genesung im Krankenhaus nurmehr als
Phantasievorstellung seines sterbenden Gehirns wahr. Selbst nach der
Entlassung tritt er nicht wirklich wieder in sein altes Leben ein sondern
bleibt nichts weiter als ein Späher, ein Spion, ein "Auge" (so auch der
englische Titel des Romans), das seine Umgebung, die russischen
Emigrantenkreise im Berlin der 20er Jahre, scheinbar unbeteiligt
beobachtet.
Im Fokus seines Interesses steht eine Person: Smurow, ein junger Mann,
"der ganz aus
unvollständigen Andeutungen bestand". So sehr sich der Erzähler auch
bemüht, das Wesen dieses Menschen aus seinen eigenen und den Beobachtungen
der anderen zusammenzusetzen, den wahren Smurow mit kriminalistischem Eifer
aufzuspüren, verflüchtigt sich doch jeder Eindruck von ihm wieder, bleibt
nichts als unvereinbare Zufallsimpressionen.
|
Und dann ist da noch Wanja, eine junge Frau, die von Smurow ebenso wie vom
Erzähler geliebt wird. Als offenbar wird, daß ihr Herz einem Dritten gehört, lastet auf dem Erzähler für Momente wieder die Schwere des eigenen Lebens, ehe es ihm gelingt, sich in seinen alten
Trick zu flüchten: er ist ja nicht existent in dieser Welt, nichts als ein
Beobachter der anderen und Wanja schlußendlich nur eine Schöpfung seiner
Imagination.
Nabokov beschreibt einen Menschen, der im Versuch sich immun zu machen
gegen die Verletzungen und Demütigungen, die ihn zu Beginn in einen
Selbstmordversuch trieben, sich von sich selbst abspaltet, sich und die
anderen nur noch beobachtet, ein Alter Ego erfindet, um selbst nicht mehr
fühlen zu müssen, was diesem widerfährt. Er nimmt sich selbst nur noch wahr
durch die Bilder in den Beobachtungen der anderen, die doch nichts weiter
sind als Verallgemeinerungen nebensächlicher Details. Auch aus diesen
nahezu willkürlichen Wahrnehmungen seiner selbst läßt sich kein
konsistentes Bild seiner Persönlichkeit zusammensetzen. Und so muß auch der
Versuch, seine verlorengegangene Identität in den Spiegelungen der anderen
zu finden, letztlich scheitern.
|